Ich lese viel Zeitung, aber immer häufiger fehlt mir dabei etwas. Ursache und Übeltäter ist wieder einmal mein Erzfeind, der Anglizismus.
Und hierum geht es: Schreibt man im Englischen, zum Beispiel über einen Schriftsteller, „He lives in Scotland with his wife and three children“, so bezieht sich das Possessivpronomen „his“ in der Regel auf „wife“
und auf „three children“.
Überträgt nun jemand, der zwar die englischen Wörter versteht, sich aber mit alltäglichem englischem Sprachgebrauch nicht auskennt, dies ins Deutsche, liest man häufig: „Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Schottland“. Wer beim Lesen über die drei Kinder stolpert, wird sich unwillkürlich fragen, ob es sich wohl um wildfremde Kinder handelt. Denn: Wo im Englischen
ein Pronomen völlig ausreicht, muss im Deutschen ein zweites her – zumal sich „seiner“ ja schon rein grammatikalisch nicht auf „Kindern“ beziehen kann.
Noch vertrackter wird es in folgendem Fall: Im Bericht eines ehemaligen Angehörigen der US-Army erzählt dieser von seiner Familie. In der deutschen Übersetzung heiß es an dieser Stelle: „Meine Eltern und Großeltern waren also ...“
Nein, nein, nein!, denkt man sich, sogar in Zeiten, in denen man gefühlt fast wöchentlich mit neuen Schreckensmeldungen zu Inzestfällen konfrontiert wird. Dass ein Großvater gleichzeitig der Vater sein kann, wissen wir mittlerweile, so gruselig uns dies auch erscheinen mag. Aber alles zugleich, Großvater und Vater, Großmutter und Mutter – das verbietet (zum Glück!) die Logik. Wir hätten an dieser Stelle also gern ein zweites „meine“, bitte.
Verdeutlichen kann man sich diesen Unterschied ganz einfach, indem man sich fragt, um wie viele Personen es denn geht:
meine Schwester und beste Freundin → eine Person
meine Schwester und meine beste Freundin → zwei Personen
die Managerin und Mutter → eine Person
die Managerin und die Mutter → zwei Personen
Und hat man im Falle der „three children“ beim Übersetzen doch einmal Zweifel und weiß nicht recht, zu wem diese denn nun gehören, kann man sich ganz leicht mit dem alltäglichen Handwerkszeugs eines jeden guten Übersetzers behelfen: der sorgfältigen Recherche.